1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich.
2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.
3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.
4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne
5 und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.
6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander.
7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?
8 Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.
9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz
10 und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.
11 Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.
13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.
14 Und Abraham nannte die Stätte »Der HERR sieht«. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der HERR sieht.
Liebe Gemeinde!
E „Lass mich an dich glauben, wie Abraham es tat“
Sie kennen vielleicht das Lied: „Lass mich an dich glauben, wie Abraham es tat…“ – ich habe es immer für ein harmloses Lied gehalten, aber in der Auseinandersetzung mit unserer Geschichte habe ich begriffen: das ist ein gefährliches Lied!
Ich habe mich gefragt: kann ich so glauben wie hier Abraham – und auch Isaak. Und was bedeutet dann: „Was kann dem geschehen, der solchen Glauben hat“? Also ich möchte nicht, dass mir das geschieht, dass ich einen meiner Söhne – die sind wahrscheinlich gerade ungefähr in dem Alter, in dem damals Isaak war – schlachten soll!
Andreas Malessa (Pfingsten ist er zur Konferenz bei uns) schreibt dazu: „Der Bibeltext erwähnt weder Aufbegehren noch Seelenqual des Vaters oder der Mutter, was mir vor 30 Jahren im Jugendkreis als vorbildhafter Glaubensgehorsam zur Nachahmung empfohlen wurde. Schließlich sei in letzter Minute ja nicht das Kind, sondern ein Widder geopfert worden. Erst als ich selbst Vater wurde und in unserem Dorf eine psychopathische Frau ihrem Dreijährigen mit einem Brotmesser die Kehle durchtrennte, fiel mir auf, dass die ,gute‘ Wendung der Geschichte die Sache noch schlimmer macht: Was für ein Gott ist das, der solche sadistischen Spielchen mit seinen Gläubigen treibt? Soll ich, hier und heute, ernsthaft diesem Gottvertrauen, ihn ehren, anbeten und lieben?“
Hätten wir nicht lieber einen Abraham, der den Gehorsam verweigert, der in Aufstand kommt gegen Gott, der im Namen der Menschlichkeit und Menschenrechte sagt: „Hier mache ich nicht mit!" „Im Namen deiner Schöpfung, um deiner selbst willen, um deiner Verheißung willen, ich nehme das nicht hin.
So steht diese Frage im Raum: wie gehen wir mit dieser Geschichte um? Einfach diese brennende Frage wegwischen und danach fragen, was sie denn geistlich zu sagen habe – das wünsche ich mir, aber das ist an meinem Herzen vorbei ehrlicher Weise nicht möglich. Hier ist vor aller Auslegung ein Kampf angesagt. Gott fordert uns heraus!
In meiner Lutherbibel wird die Geschichte überschrieben „Abrahams Versuchung“. Ich spüre: indem sie so erzählt wird, wird nicht nur Abraham versucht, sondern auch mein Glaube an einen liebenden und gerechten Gott, werde ich selbst versucht.
Ist das so, wird hier Abraham versucht – versucht Gott auch mich?
Jakobus schreibt doch: „Niemand sage, wenn er zum Bösen versucht wird: ,Von Gott werde ich versucht', denn Gott kann nicht zum Bösen versucht werden, versucht aber auch seinerseits niemanden“ (Jakobus 1,13).
Das Thema dieses Abschnitts ist die Prüfung Gottes. „Versuchung“ führt durum vielleicht unsere Gedanken in die falsche Richtung. Gott sitzt nicht im Himmel und freut sich, wenn wir schwitzen. Aber er prüft, er richtet (wörtlich) „Feldzeichen" des Glaubens auf.
Ich möchte gleich zum Zentrum kommen: Für mich ist Vers 8 die Mitte der Geschichte, nicht der wunderbare Ausgang. Von ihm her gedacht stehen wir in der Position des „Beobachters vom Himmel". Dort aber sind wir noch nicht. Wir sind auf dem Weg, wie Abraham und Isaak. Darum ist für mich der tiefste Satz der, den Abraham auf der Erde spricht: „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer." Das ist kein Ausweichen auf Isaaks Frage, sondern konzentrierter, vielleicht auch verzweifelter Vertrauensblick auf Gott.
Sie kennen das Problem am Samstag Morgen. Es werden Eier fürs Frühstück gekocht. Eins platzt, das Wasser schäumt über, dieses Ei schmeckt hinterher wässrig. Von meiner Mutter habe ich einen Trick gelernt herauszufinden, ob ein platzen wird. Man nimmt das rohe Ei und klopft mehrfach dagegen, bevor man es ins kochende Wasser legt. Dabei hält man es ans Ohr und kann hören, ob es schon einen Sprung hat. Dann kann man es aussortieren fürs Spiegelei oder den nächste Kuchen. Zum Frühstücksei taugt es nicht.
Ich glaube, es geht Gott weder bei Abraham noch bei Ihnen und mir um Versuchung – jedenfalls nicht zum Bösen – es geht ihm vielmehr um Prüfung.
Hier ist es ganz wichtig zu verstehen: Gott prüft Abraham nicht mit der Absicht, ihn zu vernichten.
Die Versuchung, von der Jakobus spricht, ist „die Versuchung zum Bösen“. Die Erprobung Abrahams aber ist keine Versuchung zum Bösen. Gott will nicht die Vernichtung Abrahams, sondern sein „absolutes Sichausliefern“. Hellmuth Frey versteht es als „erproben“ im Sinn von „in die Entscheidung stellen“. Dadurch wird sichtbar, was im Menschen unbewusst lebt. „In solchen Augenblicken wird nicht nur sichtbar, was da war, sondern es entsteht, wächst, reift und wird etwas geboren, es reinigt und verwirklicht sich etwas. In solchen Zeiten lebt der Mensch im tiefsten Sinn des Wortes“ (Buch des Glaubens, S.178f).
Diese Geschichte kann man theologisch ganz wunderbar auf tiefe Erkenntnisse hin auslegen und einen kleinen Versuch möchte ich mit Ihnen auch gleich noch unternehmen. Aber das macht nur Sinn, wenn der Erste Anstoß, die persönliche Prüfung, Infragestellung und Herausforderung Gottes erkannt und benannt wurde. Darum möchte ich Ihnen noch ein persönliches Zeugnis dazu erzählen, von einem Menschen, dem diese Geschichte in der Auseinandersetzung mit seinem eigenen Schicksal begegnet ist:
John Claypool, ein Gemeindepfarrer in den USA, hat eine Tochter, die an Leukämie erkrankt war, im Alter von zehn Jahren verloren. Als er vier Wochen nach der Beerdigung zum ersten Mal wieder predigte, sprach er ganz bewusst über diesen Text: „…Abraham kam vom Berg zurück, sein lebendes Kind an seiner Seite. Wie muss sein Herz vor Freude gesungen haben, nachdem alles so gut ausgegangen war. Aber bei mir ist das ganz anders. Hier stehe ich, allein auf jenem Berg. Mein Kind, und nicht ein Widder liegt auf dem Altar.“ In seiner verzweifelten Lage hat er drei verschiedene Wege erprobt, die aus diesem dunklen Tal führen können:
„den Weg der schweigenden Resignation“
„den Versuch eines vollständigen intellektuellen Verstehens“
Auf diesen Wegen fand er keine Hilfe, wohl aber auf dem dritten: „den Weg der Danksagung“.
Und das ist ihm bei diesem Text aufgegangen: Leben ist Geschenk – nicht mehr und nicht weniger. (Und Isaak war ja in ganz besonderer Weise ein Geschenk des Himmels.)
Sehr persönlich sagte er in seiner Predigt: „Glauben Sie mir, Danksagung ist der einzig mögliche Ausweg. Bitterkeit ändert nichts, sondern macht es nur noch schlimmer. Der Weg der Danksagung nimmt nicht die Schmerzen, aber irgendwie durchdringt er die Dunkelheit mit einen Licht und baut Kräfte auf, die einem helfen, weiterzugeben.“
Hören Sie das wie gesagt als ganz persönlichen Weg eines Menschen mit Gott. Dankbarkeit ist also nicht die fromme Soße, die die tiefe Brüche und Widersprüche zukleistert. Sondern hier hat ein Mensch mitten in einer schweren Prüfung einen Weg zurück zu Gott mitten im Leid gefunden.
Es wird uns nie gefallen, dass Gott uns prüft. Es ist aber eine Tatsache, dass er es tut. Er hält es offenbar für notwendig. Es gibt ja die Erfahrung von Sinnlosigkeit, es gibt ja den Gegensatz von Verheißung und Wirklichkeit, es gibt ja die Situation, in der Gott auf der Seite des Todes zu stehen scheint.
Das finde ich das Bestechende und Wunderbare am christlichen Glauben, dass er keinen Winkel der menschlichen Existenz auslässt. Ein Leben im Glauben an Jesus hat keine blinden Flecke. Zur Wirklichkeit unseres Lebens gehört auch das Schwere und Unverständliche. Wenn ich diese Zeiten als eine Prüfung Gottes erkenne, weiß ich: auch hier bin ich nicht allein.
Worin besteht nun die Prüfung?
Gott schenkt uns gute Gaben. Aber er selbst will die Mitte bleiben. Gott fragt hier Abraham und mit ihm auch uns: „Willst du mich oder meine Geschenke?" Hängt Abraham sein Herz an die Verheißung in seinem Sohn Isaak oder an Gott selbst?
Das ist ja die Prüfung in der Prüfung:
Isaak war zwar nicht der einzige Sohn Abrahams. Es gab ja noch lsmael, den Abraham aber vertreiben und damit auch opfern musste (vgl. die Ähnlichkeit in Aufbau und Inhalt zwischen 1.Mose 21,12-21 und 22,1-9). Das Wort für „einzig“ kann auch bedeuten: „speziell, unüblich, einzigartig“. LXX gibt es aber hier wie in V. 12.16 mit agapetos „geliebt“ wieder, trotz der Doppelung, die dann entsteht: „deinen Sohn, den geliebten, den du lieb hast.“
Søren Kierkegaard hält eine „Lobrede auf Abraham“:
„Es gab manchen Vater, der sein Kind verlor; aber da war es Gottes des Allmächtigen unveränderlicher, unerforschlicher Wille, war es seine Hand, die das Kind nahm. Nicht so bei Abraham. Ihm war eine viel schwerere Probe vorbehalten; lsaaks Schicksal war mit dem Messer in Abrahams Hand gelegt. Da stand er, der alte Mann, mit seiner einzigen Hoffnung. Aber er zweifelte nicht; er schaute nicht ängstlich nach rechts und links; er forderte nicht den Himmel heraus durch seine Gebete. Er wusste, es sei der allmächtige Gott, der ihn prüfte; er wusste, es sei das schwerste Opfer, das von ihm gefordert werden konnte; aber er wusste auch, dass kein Opfer zu schwer sei, wenn Gott es forderte, und er zückte das Messer“.
Abraham soll nicht nur seinen geliebten Sohn opfern, sondern mit Isaak auch die Verheißung Gottes, ein großes und gesegnetes Volk zu werden! Der Sinn der Prüfung Gottes ist offenbar, dass Abraham selbst die Verheißung drangeben soll um Gottes willen!
Gott fragt: „Liebst du mich oder meine Gaben?" „Was ist deine erste Liebe?" Lukas 14, 26: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein."
Hier wird uns von Gott alles aus der Hand genommen. Abraham hat nichts mehr. Gott verlangt, dass er den Beweis seiner Liebe zu ihm opfert. Hier geht es um den Zerbruch meines Gottesbeweises. Hier können wir uns wie Abraham nur noch in die Hände Gottes fallen lassen und unseren Weg in nicht verstehendem und schweigendem Gehorsam gehen.
Dabei müssen wir in unserem Leben oft schwere Lektionen lernen.
- Wenn unsere Geduld am Ende ist und wir nur noch rufen können: „Herr, es ist genug!" – Und der Herr denkt darüber anders!?
- Wenn uns der liebste Mensch vom Herzen gerissen wird und Gott von uns verlangt, unser Herz allein bei ihm zu stillen?
- Wenn wir um uns nur noch Dunkelheit sehen und der Herr erwartet, dass wir seinem Handeln in aller Gottesfinsternis vertrauen?
- Wenn alle unsere Erfahrungen uns nichts mehr sagen und keine Gefühle mehr einen Halt und Geborgenheit vermitteln, und der Herr nur bei seiner schlichten, trockenen Zusage bleibt?
Wenn Gott uns deutlich machen will, dass er auch dann bei uns ist, dann geht das nur durch solche Prüfungen hindurch.
„Lass mich an dich glauben, wie Abraham es tat“ – jetzt ist vielleicht ein wenig klarer, was das bedeutet, wenn wir Abraham den Vater des Glaubens nennen und darüber weiter nachdenken.
1. Glaube ist Gehorsam
Der Glaube Abrahams wurde konkret im Gehorsam.
Abraham erlebt diese Geschichte ja nicht unvorbereitet. Es ist eine der letzten, schwersten und wichtigsten Wegstrecken des Abraham. Er ist dazu vorbereitet: durch Gottes Berufungsgeschichte (1.Mose 12: "Geh…"), Verheißungsgeschichte ("in dir…"), Bundesgeschichte (1.Mose 15, 18), Führungsgeschichte, Begegnungsgeschichte (1.Mose 18), Korrekturgeschichte (1.Mose 12 – Ägypten; 1.Mose 16 – Hagar). Abraham lebt in einem persönlichen Verhältnis mit Gott. Abraham ist jemand der in Gottes Blick- und Rufweite lebt. Er ist dabei kein Held. Aber er „glaubte dem Herrn, und das rechnete Gott ihm zur Gerechtigkeit" (1.Mose 15, 6). Als solcher ist er Vorbild und Urbild des Glaubenden bis heute. Ihm wird in dem Moment der Prüfung der Gehorsam geschenkt. Hier hält er stand, wo z.B. Petrus nachgibt (Matthäus 16, 22): „Das geschehe dir nur nicht!". Und doch handelt auch hier letztlich Gott selbst. Der Ort bekommt zum Schluss nicht den Namen „der glaubende Abraham", sondern „der Herr sieht".
Dietrich Bonhoeffer schreibt:
„Du beklagst dich darüber, dass du nicht glauben kannst? Es darf sich keiner wundern, wenn er nicht zum Glauben kommt, solange er sich an irgendeiner Stelle in wissentlichem Ungehorsam dem Gebot von Jesus widersetzt oder entzieht. Du willst irgendeine sündige Leidenschaft, eine Feindschaft, eine Hoffnung, deine Lebenspläne, deine Vernunft nicht dem Gebot von Jesus unterwerfen? Wundere dich nicht, dass du den heiligen Geist nicht empfängst, dass du nicht beten kannst, dass dein Gebet um den Glauben leer bleibt. Gehe vielmehr hin und versöhne dich mit deinem Bruder; lass von der Sünde, die dich gefangen hält, und du wirst wieder glauben können. Willst du Gottes gebietendes Wort ausschlagen, so wirst du auch sein gnädiges Wort nicht empfangen. Wie solltest du die Gemeinschaft dessen finden, dem du dich wissentlich an irgendeiner Stelle entziehst? Der Ungehorsame kann nicht glauben, nur der Gehorsame glaubt.“ (Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge).
2. Glaube ist Hingabe
Ist denn ein Opfer nötig? Diese Frage, die in den letzten zwei Jahren besonders in Bezug auf den Tod Jesu am Kreuz diskutiert wurde, die steht ja auch in diesem Geschehen im Raum.
Ja, Opfer muss sein, auch heute!
Sind Sie auch ein Mensch, der die Harmonie liebt?
Gestaltung, Musik, Zusammenleben – Menschen sind offenbar darauf hin angelegt, es ist ein Grundgesetz des Lebens, das sich immer wieder durchsetzt. Darum ist es ein tiefer innerer Trieb im Individuum wie im Zusammenleben, dass diese Harmonie immer wiederhergestellt werden muss. Darum geht es auch in Fragen der Gerechtigkeit.
Wir alle kennen die Figur der Iustitia, die vor vielen Gerichtsgebäuden steht (Bild). Sie hält das Schwert für die Durchsetzung des Rechts in der Hand und die verbundenen Augen deuten darauf, dass es kein Ansehen der Person bei ihr gibt. Aber was soll die Waage?
Sie ist Zeichen des Ausgleichs, der im Namen der Gerechtigkeit notwendig ist (Bild Waage 1). Wenn ein Unrecht geschieht, gerät die Harmonie des menschlichen Zusammenlebens in Schieflage (Bild Waage 2). Dies muss dieses durch Verhängung einer Strafe gesühnt werden (Bild Waage 3).
Doch dieses Grundgesetz gilt nicht nur für Fragen der Gerechtigkeit. Das gesamt private und gesellschaftliche Leben ist von der Aufrechterhaltung dieses Ausgleichs bestimmt. Damit dies möglich ist, muss geopfert werden.
Der technische Fortschritt fordert zum Beispiel seine Opfer. Dass es keine neutrale, die Umwelt nicht beeinflussende Energieerzeugung gibt, lernen wir zur Zeit in Japan sehr bitter. Aber auch so genannter Öko-Strom greift in das Gleichgewicht der Natur ein, wenn auch nicht so katastrophal, zB Wasserkraftwerke.
Beispiel Straßenverkehrsopfer: wir bringen Opfer, damit wir weiter schnell und bequem von A nach B kommen können.
Dem Wohlstand werden auch Menschen geopfert, skandalös ist das nur deswegen nicht, weil der direkte Zusammenhang wie bei Abraham fehlt oder verdrängt wird. Über die Kinderopfer primitiver Religionen rümpfen wir schnell die Nase, aber wem werden denn die vielen Kinder geopfert, denen wir das Recht zu leben schon im Mutterleib verweigern? Das Schicksal mancher Mütter mag dabei nicht weniger schlimm sein als das des Abraham, darüber will ich keinen Stab brechen. Aber die Tatsache als solche wird verleugnet, und da ist offenbar die Bibel radikaler und aufgeklärter als unsere ach so aufgeklärte Generation.
Im Tal Hinnom bei Jerusalem wurden zur Zeit des Jeremia noch seltsame Vorgänge beobachtet. In diesem Tal war – verborgen – eine Opferstätte, und die Säuglinge, die unehelich geboren waren, wurden dort durch abgefallene Juden geschlachtet und dem Gott Baal – nicht dem Gott Israels – geopfert. Denn sie fanden, dass durch diesen unehelichen Vorgang die Harmonie mit der Gottheit zerstört war. Man opferte nun dieses Kind – dann war die Harmonie wiederhergestellt.
In Israels Kult aber gab es niemals ein Menschenopfer, dies war schon immer strikt verboten (vgl. 3. Mose 18,21; 20,2-5).
Darum bleibt es auch bei der klaren Aussage, dass Gott nie die Opferung Isaaks wollte, sondern diese nur eine Prüfung für Abraham war. Das wirkliche Opfer auf dem Altar ist „Gott nie in den Sinn gekommen“. Erwünscht nicht den Tod eines Menschen, selbst nicht den Tod des Sünders (Ez 18,23.32; 33.11), sondern seine Umkehr.
Die tiefste Auslegung erfährt dieser Text darum in dem Opfer, das Gott tatsächlich angenommen hat: Jesus Christus, seinen Sohn. Hier hat Gott ein für allemal die Harmonie zwischen Gott und Mensch wiederhergestellt.
Walter Tlach (ZuS 2/93 S.72):
„Der Satz: „Zerstörte Harmonie wird nur wiederhergestellt, wenn ich erkläre: Eigentlich müsste ich sterben, denn ich habe die Harmonie mit meinem Schöpfer zerstört. Nimm bitte dieses Ersatzopfer an!" wird in 1. Mose 22 ganz bejaht. Und was sagt der Ewige? „Jawohl," sagt er, „Harmonie wird nur dann wiederhergestellt, wenn du erkennst: ,Eigentlich müsste ich sterben. Ich habe die Harmonie zerstört.‘
Liebe Gemeinde, das ist das wichtigste Bekenntnis eines Menschen in seinem ganzen Leben! Das nennt die Bibel „Umkehr", „Bekehrung", wenn ich mit dem Passionslied sagen kann: „Ich, ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden des Sandes an dem Meer…“ Das ist die wichtigste Stunde deines Lebens.
Wir sehen: … es geht es um Bekehrung, um Rechtfertigung. „Ich habe die göttliche Harmonie zerstört!"
Was tut der Ewige? Er schickt seinen einzigen Sohn diesen Berg hinauf, auf den Golgathaberg, den Berg Morija. Dort ist das große Kindesopfer einmal geschehen – für alle geschehen! Paulus sagt: „Darum hat Gott auch seinen eignen Sohn nicht verschont…" Merken Sie Gottes Schmerz und Gottes Tränen um sein einziges reines Kind, das als Verbrecher unschuldig sterben muss? Dort auf Golgatha schreit dieser einzige reine Mensch, der über diese Erde je gegangen ist: „Warum hast du mich verlassen?" Vollständige Gottverlassenheit, in der Gewalt der Finsternismächte und des Satans – in dieser Stunde am Kreuz! Da durfte sich der Satan an ihm austoben! Er opferte sein einziges liebes Kind, dass ich ewige Harmonie bekomme. Paulus drückt das Wort „Harmonie" so aus: „Nun haben wir Frieden mit Gott…" (Römer 5). Am Kreuz von Golgatha ist ewige Harmonie. Es gibt keinen einzigen Ort in diesem Kosmos, an dem dein Gewissen frei wird, als an diesem Berg Morija, am Kreuz von Golgatha. Dort entsteht ewige Harmonie zum Schöpfer. Nimm diesen einzigen Retter Jesus an! Schenk ihm dein sündiges Leben, denn Jesu Kreuz ist das einzige göttliche Kindesopfer! Gott verschont Isaak, und damit verschont er Abraham – Gott verschont aber nicht seinen eigenen Sohn! Amen.“
Jesus wird dabei nicht einfach von seinem Vater geschlachtet, sondern gibt sein Leben freiwillig aus Liebe (Johannes 15,13). Der duldende Isaak deutet darum auf Jesus. Dieser geht den Weg ans Kreuz aus eigenem Willen, obwohl er nicht nur einen Engel wie in V. 11, sondern zwölf Legionen Engel rufen könnte, die seinen Tod verhindern (Mt 26,53).
„Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber…“ (2. Kor 5,19).
Die Vatergeschichte Abrahams gipfelt heilsgeschichtlich in der Vatergeschichte Gottes: „Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?" (Römer 8, 32).
Glaube muss das Liebste hingeben. Es ist die Frage: Glaube ich an Gott um des Segens willen oder bekomme ich den Segen, wenn ich seinen Willen erfülle. Das ist der Sinn der Prüfung Gottes. Luther sagt: „Ich würde auch noch an Christus glauben und hängen, wenn er mich in die Hölle verdammen würde.“
3. Glaube ist Hoffnung
Abraham konnte diesen Weg nur gehen, weil er auf den Gott hoffte, der stärker ist als der Tod.
Sowohl die Auskunft Abrahams an die Knechte „und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen“. (V. 5) als auch die Antwort auf die Frage nach dem Opfertier „Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer“ bezeugen die Hoffnung Abrahams, dass Gott die Sache irgendwie zurechtbringen wird. Ansonsten müsste man sie als krasse Lüge auffassen.
Die Geschichte lässt offen, ob Abraham das noch in seiner Zeit erleben würde, oder ob er auf die Auferstehung des Toten vertraute.
Dass Abraham auf die Auferstehung von den Toten hoffte, wird in Hebräer 11,17-19 als Erklärung herangezogen: „Durch den Glauben opferte Abraham den Isaak, als er versucht wurde, und gab den einzigen Sohn dahin, als er schon die Verheißung empfangen hatte
18 und ihm gesagt worden war (1.Mose 21,12): ,Was von Isaak stammt, soll dein Geschlecht genannt werden.‘
19 Er dachte: Gott kann auch von den Toten erwecken; deshalb bekam er ihn auch als Gleichnis dafür wieder.“
Auch Luther ist überzeugt, dass Abraham seinem Sohn wird „…eine treffliche Rede getan haben, welcher Inhalt und Hauptstück vornehmlich wird gewesen sein: das Gebot Gottes und die Auferstehung der Toten … Abraham hat in seinem Herzen also gedacht: Mein Sohn Isaak, den ich jetzt erwürge, ist ein Vater der Verheißung, und ist solche Verheißung an sich selbst wahrhaftig; derhalben wird mein Sohn ewiglich leben und wird auch der Erbe sein: ob er derhalben wohl jetzt sterben muss, so wird er doch wahrhaftig nicht sterben, sondern wiederum auferstehen“ (Genesis-Vorlesung).
In jedem Fall war es eine verwegene Hoffnung auf den Gott der ihn bisher geführt hatte und auch weiterführen würde. Dazu sind Sie und ich ebenso herausgefordert. Amen.