36. Kol. 4, 15ff Bibellese am 27.1.04
Letztes Mal habe ich einen Satzteil in Vers 15 ausgelassen, den wir heute bedenken wollen:
"Grüßt …und die Nympha und die Gemeinde in ihrem Hause."
Das hört sich so an als gäbe es eine Frau mit einer eigenen Gemeinde. Aber:
1. Nympha kann im Griechischen als "Nymphe" weiblich oder als "Nymphas" männlich sein. In den meisten griechischen Handschriften steht die männliche Form ( Sinaitic., Masor., sy, A), die weibliche Form in B, Vatic. Entsprechend haben die erstgenannten Handschriften dann auch "in seinem Haus" und nicht "in ihrem Haus" stehen. Es ist für mich bezeichnend, dass man heute trotz dieser Schriftenlage nur die weibliche Form in die deutsche Übersetzung genommen hat. Denn man will heute, dass die Frau dem Mann gleichgestellt ist.
2. Selbst wenn mit "Nymphan" eine weibliche Nymphe gemeint wäre, so sagt der Text noch lange nicht, dass sie die Gemeinde geleitet hat. Es heißt hier lediglich "und die Gemeinde in ihrem Hause". Die Nymphe (der Nymphas) bot also – wohl ähnlich wie Lydia in Philippi – ihr Haus zum Treffpunkt für die Gläubigen an. Wer der Hirte dieser Gemeinde war, ist damit noch lange nicht gesagt. Es sind reine Vermutungen.
Auf der anderen Seite bestätigt gerade diese Aussage, dass die Frauen ihre Häuser für die Gläubigen öffneten, das biblische Frauenbild: "Der Ort der Frau ist das Haus" – bei verheirateten Frauen, wie Bonhoeffer sagt – "das Haus des Mannes." Das wäre hier bei der Nymphe so, bei Lydia, bei Aquila und Priscilla.
Die Frauen treten in der Regel nicht wie führende Männer (Petrus oder Paulus) auf öffentlichen Plätzen, Märkten, Synagogen usw. auf, sondern im Haus. Seltene Ausnahmen (wie z.B. Deborah im Alten Testament) bestätigen nur die Regel und dürfen nicht zur Regel gemacht werden.
Außerdem muss man bei dem Wort "Gemeinde", was im Griechischen ja die Versammlung der "Herausgerufenen"meint, in diesem Zusammenhang wohl auch eher an etwas denken, das unseren heutigen Hauskreisen entspricht.
Unabhängig von diesen Fragen des Geschlechts freut sich Paulus jedenfalls an diesem Menschen Nymphas/e und der Gemeinde im Hause, lässt sie grüßen und stärkt sie damit.
Zum Schluss seines Briefes, als Letztes, hat Paulus noch ein besonderes Wort für einen Mann namens "Archippus". "Archippus" heißt "Pferdebezwinger". Paulus bezeichnet ihn in Philem. 2 als seinen "Mitkämpfer". Er kämpft also mit ihm für das Evangelium. Diesen Mann redet Paulus durch die Überbringer und Vorleser des Briefes ganz persönlich an: "Sieh auf das Amt, das du empfangen hast in dem Herrn, dass du es ausrichtest." (Vers 17). So persönlich redet Gott auch zu uns.
Archippus hat ein Amt empfangen – die Gemeindeleitung? Ist er ein Ältester? Wir wissen es nicht, aber in jedem Fall soll Archippus auf dieses Amt sehen.
"Sieh darauf", achte darauf, richte deine Aufmerksamkeit darauf, hüte das Amt, den Auftrag, den du erhalten hast. Halte ihn fest, erfülle ihn, verlier ihn nicht aus den Augen.
Für "Amt" steht hier das griech. Wort , Diakonia. Man könnte also auch übersetzen: "Sieh auf den Dienst, den du empfangen hast." Damit wäre das Wunderbare ausgedrückt, was uns schon so oft deutlich geworden ist.
Das Amt, der Dienst ist geschenkt, von oben, von Gott gegeben; aber eben nicht nur als Auftrag, als Anforderung, sondern zugleich auch als Tun, als Tat, das Erfüllen dieses Auftrages, der Dienst ist zugleich mitgeschenkt. Archippus hat sich das Amt, den Dienst, nicht erarbeitet oder verdient. Gott hat es ihm gegeben und er hat es empfangen. Archippus braucht auch die Ausführung des Amtes, den Dienst, nicht erarbeiten. Gott hat es ihm geschenkt und er empfängt es. "Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, welche Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen." (Eph.2,10).
Archippus braucht den Dienst nur ausfüllen, erfüllen, herausleben, was ihm geschenkt ist.
Hier begegnet uns nun auch wieder das entscheidende und zentrale Wort des ganzen Kolosserbriefes: "in dem Herrn". Dieses "in dem Herrn" bezieht sich auf beides, auf die Person und auf den Auftrag. Sie sind beide "in dem Herrn". Weil Archippus "in dem Herrn" ist und weil sein Amt von dem Herrn ist, hat er sein Amt "in dem Herrn". Im Herrn hat er es empfangen, im Herrn soll und kann er es jetzt auch tun. Der Herr in ihm ist sein Leben, sein Auftrag, sein Dienst. Er braucht nur die Gehorsamsschritte ausführen. Er muss nur auf seinen Auftrag sehen. Er darf sich nicht ablenken, sich nicht verführen lassen. Er muss zielgerichtet leben.
Das gilt auch uns: Folge deinem Auftrag, den du von Gott empfangen hast.
Folge deiner Mission! Vergiss nicht, wozu du berufen bist!
Was ist dein persönlicher Ruf? Welchen Dienst hast du von Gott empfangen?
Nun kommt am Briefende der persönliche Gruß des Paulus. Paulus schreibt ihn ganz persönlich, ausdrücklich mit seiner eigenen Hand – in Liebe. Ganz persönlich ist auch seine letzte Bitte, eine Bitte um Fürbitte: "Gedenket meiner Ketten!" (Vers 18). Wir können nur ahnen, welche Not, welche Anfechtung, welche Sehnsuch hinter diesen Worten steht. Sie beinhalten das tägliche Sterben und Leiden des Paulus – damit die Gemeinde lebt. Wir sprachen bei Kol.1,24 darüber. Die Gemeinde soll die Not des Paulus nicht vergessen. Er weiß, wie sehr er ihrer Fürbitte bedarf. Auch darüber sprachen wir bereits, wie sehr unsere Gemeindeleiter unserer Fürbitte bedürfen (Kol.4,2ff).
"Die Gnade sei mit euch!" sind die letzten Worte des Briefes von Paulus und Timotheus an die Kolosser. Der Kreis schließt sich. Wie am Anfang, so auch am Ende, als Erstes und Letztes steht das Wichtigste: "Die Gnade sei mit euch!" (Kol.1,2). Es ist aber eben doch kein geschlossener Kreis, denn am Ende des Briefes ist unser Verständnis dessen, was gemeint ist, doch vertieft. Wir sind in die spiralische Denkbewegung der Bibel mit hineingenommen worden, die die gleiche Wahrheit in immer neuen Worten und Bildern uns vermittelt und uns in unserer Erkenntnis Gottes wachsen lässt.
Auch ich will deshalb wiederholen, was uns mit dem Wort "Gnade" vermittelt werden soll.
" ", Chäsäd, " ", Charis, heißt "Freundlichkeit, Lieblichkeit, Schönheit.
"Gnade" beinhaltet dreierlei:
- 1. Schönheit
Wo Liebe ist, da ist es auch schön. Zara Leander sang es: "Eine Frau wird erst schön durch die Liebe." Das ist etwas ganz liebliches. Selbst ein äußerlich nicht so schönes Gesicht kann schön werden, wenn es Liebe empfängt und weitergibt.
- 2. Begnadigung
Einer, der juristisch zum Tode verurteilt war wird begnadigt. Es ist wunderbar zu wissen: Ich bin zum Tode verurteilt gewesen und freigesprochen. Aber nicht wie bei Gericht als nüchterne Verrechnung, wo Recht und Gnadenakt die Sache begleichen. Denn da muss keine Liebe drin sein. Wir kennen es aus der Politik, wenn eine Amnestie erlassen wird. Bei Gott und seiner Begnadigung ist Liebe drin. Denn Gott gab seinen Sohn aus Liebe zu uns und Jesus starb für uns aus Liebe zu uns.
- 3. Bild der untergehenden Sonne
Im deutschen Wort "Gnade" steckte früher ein Bild: Die Sonne, die am Himmel steht und vom Himmel herunterstrahlt und sich zur Erde neigt. Die Sonne am Himmel nimmt ihren Weg zu uns herunter. Sie scheint über unsere Erde, die an sich kalt und dunkel ist. Durch ihr Licht entstehen aus dem Dunkel wunderbare Farben. Bei Sonnenuntergang ist die Sonne nicht blendend. Ich kann sie sehen. Hier unten, bei Sonnenuntergang ist sie für mich gleichsam fassbar. Das ist das Bild für die Gnade. Es ist ein Bild für das, was Jesus ist. "Ich bin das Licht der Welt."
Die Sonne scheint. Sie ist wirklich da. Ich kann sie nicht machen. Ich kann nur ihr Licht, ihre Wärme empfangen. Ich kann sie nicht zum Scheinen bringen. Ebensowenig kann ich das, was vom Herrn zu mir kommt, selber bewirken. Ich kann es nur empfangen. Das ist Gnade.
Das ist der eine Sinn des ganzen Kolosserbriefes: dass wir das, was der Herr uns gibt, auch empfangen und dann auch tun können. Der ganze Kolosserbrief hat nur diese Aufgabe: uns deutlich zu machen, was Gnade und Friede in Christus ist; denn das ist etwas, was man lernen muss. Er hat die Aufgabe uns das zu vermitteln, damit wir es empfangen. Sein Ziel ist, dass die Gnade uns erreicht und wir im Frieden mit Jesus auf dem Weg sind.
Der Kolosserbrief ist wie die ganze Bibel ein Liebesbrief Gottes an alle Menschen und zugleich an jeden von uns – ganz persönlich. Wie ein Bräutigam wirbt Gott in Jesus um seine Braut, seine geliebten Menschen. Er sagt es uns immer wieder: "Ich habe dich lieb. Du gehörst mir. Ich will dein Leben mit dir teilen. Ich will dein ein und alles sein. Ich habe alles getan, um dich zu retten. Ich will täglich alles tun und dir geben, was du brauchst. Ich will dir alles sein, was du brauchst." Und wie ein Bräutigam von seiner Braut, so wünscht sich auch Gott nichts mehr von uns als dass wir ihn lieben. So fragt er jeden von uns: "Hast du mich lieb?"
Und wir? Wir können doch eigentlich nur staunend jubeln: Welch ein großer, wunderbarer Gott bist du, dass du uns so liebst, dass du uns errettet hast aus der Macht der Finsternis, dass du uns in Jesus alles schenken willst, dass du jeden Tag mit uns leben, dass du durch deinen Heiligen Geist in uns wohnen und uns regieren willst. Wie demütig und barmherzig bist du, dass du uns gebrauchen willst, deine Botschafter in der Welt zu sein, um dein Reich hier auf Erden zu bauen. Wie wunderbar, dass du alles vollbracht hast und wir brauchen uns nur beschenken zu lassen, indem wir alles Eigene verleugnen.
Dass du Sieger bist über alles, was sich gegen dich erhebt, dass du dich allezeit zu uns neigst, dass deine Gnade uns allewege sucht und findet, dass du dich uns offenbarst – über diese deine Gnade loben und preisen wir dich.